Warum gibt es keine Zinsen mehr?

Durch die Niedrigzinsen sind deutschen Sparern seit 2010 fast 650 Milliarden Euro Zinseinkünfte entgangen. Immer mehr Banken berechnen ihren Kunden sogar Strafzinsen ab dem ersten Euro. Selbst bei Banken in Malta oder Rumänien gibt es aktuell nur noch 0,5% Zins. Warum ist das eigentlich so?

Als Lehman Brothers im Jahr 2008 zusammenbrach, kollabierte das globale Wirtschaftssystem. Um keine Weltwirtschaftskrise entstehen zu lassen, senkten die Notenbanken die Zinsen. Damit sollte die Wirtschaft gestützt werden. Dieser Mechanismus funktionierte seit Jahrzehnten erfolgreich. Normalerweise werden die Zinsen bei einer Besserung der Lage wieder erhöht. Nur folgte 2011 die nächste Krise durch die Pleite Griechenlands. Also wurde die Zinsen weiter gesenkt.

Ziel der Notenbanken war es, fallende Preise zu verhindern. Unternehmen und Konsumenten sollten mit dem niedrigen Zins animiert werden, nicht zu sparen. Das Geld soll in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden, um Wachstum zu erzeugen. Sinkende Preise sind genauso gefährlich wie die in Deutschland gefürchtete Inflation. Sie erhöht de facto die Schuldenlast. Die Rückzahlung von Krediten wird schwerer. Das Wirtschaftswachstum wird geschwächt und die Zahl von Insolvenzen beschleunigt.

Warum sind die Zinsen immer noch so niedrig?

Nach den Krisen wollten die Notenbanken die Zinsen bloß nicht zu früh anheben, um einen Aufschwung nicht wieder abzuwürgen. Aber seitdem war immer irgendein Land in Schwierigkeiten. Erst Griechenland, dann Irland und Portugal. Später Spanien, dann Italien. Jetzt schwächeln Frankreich und Deutschland. Es gab immer einen Grund, die Zinsen nicht zu erhöhen. Auch die Inflation verharrte auf sehr niedrigen Niveaus. Die Preise stiegen einfach nicht. Also gab es auch deswegen keine Notwendigkeit, die Zinsen zu erhöhen. Bis die Zinsen wieder steigen, kann noch viel Zeit vergehen.

Um die Situation zu verstehen, hilft ein Blick auf Japan. Niedrigzinsen gibt es dort bereits seit 30 Jahren. Auch dort brach in den 80er Jahren das Bankensystem zusammen. Man ließ sich zu lange Zeit mit den Aufräumarbeiten. Problematischer ist aber die Parallele bei der Demografie. Japan hat die am schnellsten alternde Bevölkerung der Welt. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Italien und Deutschland. Bei einer alternden Bevölkerung sinkt das Wirtschaftswachstum tendenziell. Die Zahl der Beschäftigten sowie die Produktivität sinkt. Die „Alten“ geben ihre Ersparnisse aus statt zu sparen.  Das Geld steht nicht als Basis für die Kreditvergabe an die Wirtschaft zur Verfügung. In Japan steigen die Zinsen seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

Europa ist noch nicht so weit. In den letzten zwei Jahren lief die Konjunktur positiv, aber die Preise steigen nicht. Dies hängt mit der Globalisierung und Digitalisierung zusammen. In der Vergangenheit stiegen bei Wirtschaftswachstum die Gehälter und auch die Preise. Will ein Unternehmen heute mehr produzieren, kann es auf Billigstandorte ausweichen. Und die Digitalisierung macht die Produktion vieler Güter einfacher und damit günstiger. Daher steigen die Preise langsamer als früher. Die Inflation ist einfach verschwunden. Daher kann es sein, dass wir in Europa noch eine sehr lange Zeit mit Niedrigzinsen erleben werden.

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat diese Prognose weiter zementiert. Die Politik unterstützt die Wirtschaft mit gigantischen Hilfsprogrammen. Dies ist in der Krise auch absolut richtig, hat aber langfristige Auswirkungen. Die Hilfsprogramme werden allesamt mit Schulden finanziert. Dies führt zu einer weiteren Explosion der Staatsschulden. Dies macht es immer schwerer, das Zinsniveau jemals wieder auf ein akzeptables Niveau zu hieven, ohne dass dies zu einer massiven Insolvenzwelle von Staaten rund um den Globus führen würde.

Was können Sparer dagegen tun?

Da Sparbuch und Festgeldkonto keine Zinsen mehr einbringen, sind die Alternativen Immobilien oder Aktien.

Immobilien werden in Deutschland als „heiliger Gral“ angesehen. Sicher und stetig im Wert steigend. Doch mittlerweile werden extrem hohe Preise aufgerufen. Für den Kauf von Wohnung oder Haus benötigt man sehr hohe Summen für eine Investition. Aufgrund des Preisniveaus dürfte sich ein heutiger Kauf nicht unbedingt als eine Investition in „Betongold“ herausstellen. Zumal die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Mieten und Preise für Immobilien noch völlig unkalkulierbar sind. Dies dürften insbesondere einige Immobilien-Fonds zu spüren bekommen, die einen vergleichsweise hohen Anteil an Einzelhandels- oder Hotelimmobilien in ihrem Bestand halten. In diesen Segmenten werden viele Mieter versuchen, auch nach der Corona-Krise niedrigere Mietzahlungen durchzusetzen, oder es fallen Mieter aufgrund von Insolvenzen aus. Bei Wohnimmobilien scheint dieser Effekt weniger stark durchzuschlagen, allerdings kann es auch hier zu einem Rückgang der Nachfrage kommen.

Bei der zweiten Alternative schreien viele Leute auf. Ausgerechnet Aktien! Schwankt das nicht alles viel zu sehr? Sind nicht gerade in der Corona-Pandemie alle Aktien stark gefallen? Und ist das überhaupt mit dem Gewissen zu verantworten? Quasi unter die Kapitalisten zu gehen?

Oft hilft es, die Dinge rationaler zu betrachten. Ja, Aktienkurse schwanken. Manchmal auch etwas stärker und über einen etwas längeren Zeitraum. Selten sogar so schnell wie in diesem Jahr. Dieses Risiko relativiert sich allerdings. Man muss das Thema Geldanlage langfristiger angehen. Dann werden auch größere zwischenzeitliche Kursverluste wieder ausgeglichen. Und nicht nur das. Aktien erwirtschaften über einen längeren Zeitraum verlässliche, attraktive Renditen. Die im Übrigen weit über Sparbuch und Festgeld hinausgehen.

Das wichtigste ist Disziplin. Einen langen Anlagehorizont zu haben ist schwieriger, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn man kann jeden Tag nachschauen, wie sich der Wert verändert. Bei einer Immobilie würde wohl niemand jede Woche nach der Wertveränderung sehen. Oder würde auf die Idee kommen, die Immobilie ein Jahr nach Anschaffung wieder zu verkaufen, weil der Wert etwas gefallen ist. Weil es eine langfristige Anschaffung ist. Die Verlockung bei Aktien ist natürlich hoch, jeden Tag auf die Entwicklung zu schauen. Und ebenso hoch, kurzfristig zu reagieren, wenn sich vermeintlich etwas in die falsche Richtung entwickelt.

Sinnvoller ist allerdings, auch bei Aktien die gleichen Maßstäbe anzusetzen wie bei anderen Geldanlagen. Dann wird man am Ende mit einem Vermögenszuwachs belohnt, der die anderen Möglichkeiten der Geldanlage in den Schatten stellt. Zumal sich gerade in der aktuellen Situation immer wieder auch Chancen ergeben. In der Panik rund um die Corona-Pandemie wurden panikartig alle Aktien abgestraft. Die Auswirkungen auf die einzelnen Geschäftsmodelle sind jedoch extrem unterschiedlich. Somit gibt es die Möglichkeit, sich an Unternehmen zu beteiligen, die zu Unrecht so deutlich abgestraft wurden. Diese Unternehmen sollten nach Beendigung der Krise besonders von einer Erholung profitieren können.